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+ 34 - 23 | Paralleluniversum für die Jugend

Publiziert am 28 Feb '06 - um 02:02 unter den Stichworten: Medien, Raum

Es heisst MySpace und wird von nahezu 60 Millionen persönlichen Profilen bevölkert, die untereinander durch ein Netzwerk von Freundschaften verlinkt sind. Doch was ist hier eigentlich «parallel»? Oder anders gefragt: geht dieser Cyberspace als öffentlicher Raum durch?


Vor ein paar Tagen tauchte die welsche Tageszeitung Le Temps ein in die «galaxie MySpace.com», wie der Artikel überschrieben war und förderte dabei ein veritables «univers parallèle» zu Tage. MySpace ist eine Social Networking Site im Stil von Friendster oder Xanga. Die Zahlen sind eindrücklich: MySpace ist Anfang 2006 unter die zehn best besuchten Sites der Welt vorgerückt und zählt 50 bis 60 Millionen registrierte Benutzer, vorwiegend im Alter von 14 bis 24 Jahren.

Somit also definitiv kein Thema für mich. Doch die Kinder werden auch immer grösser und in ein paar Jahren werde ich mich vielleicht zusammen mit der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft fragen: «It's 10 PM: Do You Know Where Your Children Are ... Online!».

MySpace sei ein Jagdrevier für Pädophile, schreibt die Sonntagszeitung vom 26. Februar 2006. Es besteht also Grund zur Sorge. «Eltern müssten das Online-Leben ihrer minderjährigen Kinder unbedingt besser überwachen», fordert Monique Nelson von der Organisation Web Wise Kids in dem online nicht verfügbaren Artikel.

Doch genau diese Ängste möchte uns Danah Boyd nehmen – zumindest für die Dauer des Vortrags, den sie kürzlich an einer Tagung besagter Gesellschaft in St. Louis, Missouri gehalten hat. Titel: «Identity Production in a Networked Culture: Why Youth Heart MySpace».

Worum es dabei geht, kann man sich an einem Vergleich klar machen. Ganz ähnlich wie wir mit unserer Kleidung nicht nur einem persönlichen Geschmack folgen, sondern auch signalisieren, in welchem Rahmen Begegnungen mit uns stattfinden sollen, gestalten Jugendliche ihre virtuelle Identität mit Fotos, Videos oder Musik. Durch gegenseitiges Kommentieren dieser Ausstellungsstücke entsteht dann ein Netzwerk von Freundschaften.

Es sieht ganz so aus, als habe sich mit MySpace (und der Name verstärkt noch diese Deutung) eine Art öffentlicher Raum herausgebildet. Statt den eigenen Körper und seine Hüllen bei der abendlichen Volta präsentiert man mediale Artefakte im Internet. Statt Kichern und anerkennenden Pfiffen schreibt man lockere Sprüche ins Profil des oder der Angebeteten.

In den Worten von Danah Boyd:

«Profiles are digital bodies, public displays of identity where people can explore impression management [...]. Profiles provide an opportunity to craft the intended expression through language, imagery and media. Explicit reactions to their online presence offers valuable feedback. The goal is to look cool and receive peer validation.»

«Much of what is shared between youth is culture - fashion, music, media. The rest is simply presence.» Oder eben «Herumhängen».

«For many teens, hanging out has moved online. Teens chat on IM for hours, mostly keeping each other company and sharing entertaining cultural tidbits from the web and thoughts of the day. The same is true on MySpace, only in a much more public way.»

Präsentieren und Präsenz. Beides braucht einen «öffentlichen» Raum, einen Raum den Jugendlichen mit Jugendlichen teilen. Erwachsene werden hier im besten Fall ignoriert. Es ist darum nicht die Technik, welche die Jugendlichen in ihren Bann zieht, sie «süchtig» macht (ein Motiv, das zum Beispiel auch bei Le Temps nachzulesen ist), sondern der Mangel an öffentlichem Raum, wie Danah Boyd sagt:

«It is not the technology that encourages youth to spend time online - it's the lack of mobility and access to youth space where they can hang out uninterrupted.»

Danah unterscheidet drei Arten von Raum: privaten, öffentlichen und kontrollierten. Ihren Definitionen kann ich zwar nicht ganz folgen. Richtig ist jedoch, dass Jugendliche und Erwachsene unterschiedliche Räume als privat, öffentlich oder kontrolliert erleben. Jugendlich verfügen über wenig private Räume (die elterliche Wohnung ist für die Erwachsenen «privat», für die Jugendlichen dagegen «kontrolliert») und über wenig öffentliche Räume:

«Classic 1950s hang out locations like the roller rink and burger joint are disappearing while malls and 7/11s are banning teens unaccompanied by parents. Hanging out around the neighborhood or in the woods has been deemed unsafe for fear of predators, drug dealers and abductors.»

In der virtuellen Welt finden die Jugendlichen nun die Öffentlichkeit (MySpace) und die Privatsphäre (Instant Messenger oder SMS), die sie für ihre Sozialisation brauchen. Doch sind das jetzt öffentliche bzw. private Räume? Ist der Cyberspace überhaupt ein Raum?

Öffentlichkeit und Privatheit sind Formen der Kommunikation. Entweder wir sprechen für jede und jeden vernehmbar, oder wir sagen es jemandem ins Ohr. Damit die Kommunikation so funktioniert, wie sie beabsichtigt ist, positionieren wir uns im Raum und in Räumen. Wir stellen uns auf ein Bühne, vor ein Publikum, oder wir rücken zusammen, ziehen uns in ein Zimmer zurück. Von den Räumen sprechen wir dann so, als ob ihnen die Öffentlichkeit bzw. Privatheit der Kommunikation eigen wäre – was meistens auch nicht schlecht stimmt.

Doch sobald wir nicht mehr sprechen, sondern schreiben kompliziert sich die Sache. Die Privat«sphäre» kann jetzt wie beim Tagebuch bis zur Gemeinschaft mit sich selbst schrumpfen. Und was einmal privat geschrieben wurde, kann unverhofft ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Doch meistens kann man sich – wenigstens zu Lebzeiten – darauf verlassen, dass ein Tagebuch Privatsache bleibt, ein Buch – ja, ganz bestimmt – «für die Ewigkeit» bleibt und die Zeitung übermorgen dem – gnädigen – Vergessen anheim fällt.

Der Höhepunkt der Verquickung ist schliesslich erreicht, sobald jemand im Internet publiziert. Der vertrauliche Chat mit einer Hand voll Onlinern erscheint unverhofft in der Tagespresse, die Karrierepläne von Erwachsenen werden Jahrzente später durch unbedachte Kommentare aus ihrer Pubertät kompromitiert und Pädophile werden von Posen angelockt, die für gleichaltrige Jugendliche bestimmt waren.

Die Metapher vom Raum hat hier endgültig ausgedient. Sie hilft nicht, die neuen – zeitlich vermittelten – Formen der Öffentlichkeit fassbar zu machen. Der Cyberspace übernimmt zwar Funktionen, die vorher der physische Raum erfüllt hat – sprich die Trennung in private und öffentliche Kommunikation. Er folgt dabei jedoch eigenen Regeln und schafft neue Umgebungen.

via del.icio.us/hannes


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