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+ 52 - 54 | Kollaborative Atlanten

Publiziert am 05 Mai '06 - um 00:53 unter den Stichworten: Raum, Schreiben, Technologie
Im Juni 2005 öffnete Google seine Karten für Programmierer und alle anderen, die sich einen Zugangscode beschaffen und mit Technik umgehen können. Seither bemühen sich zahlreiche Dienste, Googles API so anzupassen, dass auch du und ich Karten beschriften und sie untereinander austauschen können. Ein Überblick.

Mit etwas Javascript und HTML kann man auf der eigenen Homepage eine individuell beschriftete Karte präsentieren - so versprechen es die unzähligen Tutorials, die aus dem Boden geschossen sind, nachdem Google Ende Juni 2005 seine Programmieroberfläche (API) zugänglich machte.

Doch für durchschnittliche Bürger und Blogger war und ist das zu kompliziert. Die meisten von uns blieben deshalb interessierte Zaungäste, die aus Distanz beobachteten, wie Verbrechen, Tankstellen oder Immobilien Pilzen gleich aus den Karten schossen.

Doch das könnte sich allmählich ändern. Schon rund und einen Monat nach Öffnung des API traten Tagzania und Mapbuilder auf den Plan. Bei Tagzania kann man jeden Fleck der Erde mit einem Tag versehen. Die Karten kann man als iFrame in die eigene Homepage einbinden, die Tags und die Orte eines Users lassen sich als RSS abonnieren. Viel mehr Funktionalitäten gibt es nicht.

Bei Mapbuilder kann man komplexere eigene Karten herstellen. Einige Features sind allerdings kostenpflichtig - beispielsweise die Möglichkeit, einen Ortseintrag zu bebildern. Die Karte nimmt der Kunde als vorfabrizierten HTML/Javascript-Code mit. Um sie auf der eigenen Homepage anzeigen zu können, braucht er zuletzt noch den individuellen Zugangsschlüssel von Google.

Tagzania und Mapbuilder zeigen die Spannweite der möglichen Dienste an: Tagzania ist EIN Globus, alle Daten lagern bei Tagzania. Mapbuilder hortet dagegen gar keine eigenen Karten, der Dienst hilft vielmehr dabei, einzelne Kartenblätter eines Atlases zu fabrizieren. Publiziert werden sie dann auf den Blogs und Homepages der Kartographen selbst mit Hilfe von Google.

Zwischen diesen Polen haben sich unterdessen verschiedene andere Dienste eingenistet. Hier ein (lückenhafter) chronologischer Überblick:

Im August 2005 wurde CommunityWalk ins Leben gerufen. Wie bei Tagzania liegen die Daten beim Anbieter des Dienstes. Allerdings werden nicht in erster Linie Orte eingezeichnet sondern ganze Atlasblätter mit mehreren Orten (am 4. Mai 2006 hatten 3682 registrierte Benutzer 5722 Karten produziert). Wie öffentlich eine Karte sein soll und wer Orte darin eintragen darf, kann definiert werden. Die Beschreibungen der Atlasblätter kann man absuchen, Orte sind hingegen tief verborgen. Jeden Ort kann die Kartographin einer Kategorie zuordnen. Es gibt weder Feeds noch Tags, aber man kann alle Karten anzeigen, die Orte der gleichen Kategorie enthalten. Ortsbeschriftungen kann man mit einem Bild schmücken (z.B. von flickr) und kommentieren lassen. Karten kann man als KML-File (z.B. für Google Earth) oder als iFrame exportieren.

Der nächste Streich folgte mit Wayfaring im November 2005. Das Prinzip ist ähnlich wie bei CommunityWalk: der Kartograph erstellt ein eigenes Atlasblatt, in das er mehrere Orte einträgt. Bei Wayfaring wird jedoch unterschieden zwischen Wegmarken (waypoints) und Notizen (notes). Während Wegmarken global für alle Karten gelten, bleiben Notizen nur auf dem gewählten Atlasblatt sichtbar.

Die Suchfunktion von Wayfaring beschränkt die Resultate auf den gewählten Kartenausschnitt, was sehr praktisch ist. Eigentlich sollten nicht nur die Beschreibungen der Atlasblätter durchsucht werden sondern auch die Beschriftungen der Wegmarken, was bei meinen Versuchen jedoch nicht klappte. Es kann eingestellt werden, ob alle Betrachter oder nur die Schöpferin der Karte Änderungen und Ergänzungen vornehmen dürfen. Neben Bildern können auch Videos von Youtube in die Beschreibung von Orten eingebunden werden und Betrachter können Kommentare hinterlassen. Feeds gibt es nicht und die Karten können lediglich als iFrame in der eigenen Homepage dargestellt werden.

Schliesslich startet im Dezember 2005 mit Platial ein weiterer kollaborativer Atlas. Die Welt ist wiederum organisiert in Orte und Karten(blätter). Der Kartograph entscheidet, ob Karten für alle bearbeitbar sein, oder nur betrachtet werden sollen. Fremde Orte kann man sammeln und in eigene Karten einfügen.

Die Suche von Platial ist gut: Sie erfasst sowohl Karten- als auch Ortsbeschreibungen und ist auf den aktuellen Kartenausschnitt beschränkt. Die Ortsbeschreibungen kann man mit Bildern oder Videos anreichern und Betrachterinnen können kommentieren. Es gibt Tags und es gibt erstmals brauchbare Feeds, mit denen man sich auf Karten und auch auf deren Schöpferinnen abonnieren kann. Exportiert werden die Karten als iFrame (Google Maps) oder als Flash-Objekt (Yahoo Maps).

Zurück zu den Wurzeln geht flagr (März 2006). Wie bei Tagzania trägt die Kartographin alle Orte in eine einzige weltumspannende Karte ein. Neu gegenüber Tagzania sind das Einbinden von Bildern (Flickr) und Videos (YouTube). Mitglieder können Orte kommentieren und es gibt einen Feed pro User mit dessen Orten. Flagr ist der einzige Dienst, der zur Zeit die detaillierten Strassenkarten von Goggle Maps anzeigt (Platial hat mir in einem Email angekündigt, in Kürze ebenfalls umstellen zu wollen).

Soweit die kleine Übersicht. Was wird sich behaupten?

Dienste, die aus einer einzigen Karte bestehen und lediglich Orte sammeln könnten sich in zwei Richtungen entwickeln:

  1. Social Networking. Es dominiert das Interesse an Personen, die ihrerseits durch Orte charakterisiert sind. Die Möglichkeit Freunde einzuladen, ist bei flagr bereits realisiert.
  2. Geodatenbanken. Es würde mich nicht wundern, wenn Google selbst bald in dieses Geschäft einsteigt. Möglicherweise wird letzteres allerdings nicht ohne ersteres gehen - schliesslich brauchen die fleissigen Datensammler auch eine Motivation, die Welt zu kartieren.

Die kollaborativen Atlanten im engeren Sinn (Platial, Wayfaring, CommunityWalk) stehen vor der Herausforderung, die Erdkugel irgendwie sinnvoll zu unterteilen. Ich denke, sie müssen sich von einer allzu starren Fixierung auf die kartierende Person lösen und das Raumkontinuum anders einteilen. Tags, die von mehrere Personen geteilt werden sind sicher ein Weg. Was ich mir wünsche, wäre ein Feed mit Orten, der durch Tags thematisch und durch einen bestimmten Kartenausschnitt geographisch gefiltert wird.

Das Problem der Abgrenzung im räumlichen Kontinuum sehe ich auch bei den Openguides. Der Open Guide to Boston beispielsweise ist ein Wiki für Boston. Doch die Google-Karte hört am Rande Bostons nicht auf. Natürlich wäre es widersinnig, auf ihr Orte in England einzuzeichnen, auch wenn die Wurzeln eines guten Teils der Bevölkerung durchaus in England liegen. Doch dazu ein andermal.

Hinweis: Alle meine Angaben zu sämtlichen Diensten beziehen sich auf den 4. Mai 2006 und nicht auf den Tag, an dem die Sites online gingen.

UPDATE (28. Mai 2006): Mit WikiMapia ist nun auch im Wiki-Stil eine kollaborativer Globus online gegangen. Verknüpfungen zwischen Google-Maps und Wikis gabs zwar schon vorher (die erwähnten Open Guides oder auch PlaceOpedia, wo es darum geht, allen Wikipedia-Artikeln den entsprechenden Ort auf einer Karte zuzuordnen) - aber ähnlich wie bei flagr überzeugt auch bei WikiMapia die Einfachheit: ein einziges Kartenblatt mit den gesammelten Einträgen.

Ein Kränzchen winden muss man WikiMapia für den guten Ansatz zur Mersprachigkeit - so etwas hatte man bislang vergebens gesucht. Ein weiterer Fortschritt ist die Möglichkeit, Flächen statt Punkte einzuzeichnen. Die stur rechtwinklige Ausrichtung entlang der Längen- und Breitengrade mag in manchen Gegenden ganz gut funktionieren, anderswo ist das Ergebnis erwartungsgemäss weniger befriedigend.


Kommentare

Wäre noch von Interest
* OpenLayers
* OpenstreetMap

Abgeschickt von marcolino am 17 Oktober 2006 - 00:27

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