Webtexte sind keine Texte wie alle andere, denn sie werden unter Bedingungen gelesen, die sich radikal von gedruckten Texten unterscheiden: Die Begegnung mit ihnen ist oft unvermittelt, aus einer Suchmaschine heraus, ohne Empfehlung durch einen Verlag, einen Buchhändeler. Der Umfang eines Webtextes lässt sich nicht erfühlen wie bei einem Papierstapel, das Schriftbild am Bildschirm ist unscharf. Kurz:
Webtexte sind Computer-Texte. Und Computer stehen auf einem Schreibtisch, im Büro oder Arbeitszimmer. Die Stühle, auf denen ihre Benutzer sitzen sind unbequem, das Licht ist ungemütlich. Nur logisch, bezeichneten Jonathan and Lisa Price das Internet in ihrem Buch "Hot Text! Web Writing that Works" als "kaltes" Medium.
So sah das Lesen von Webtexten für uns alle aus, bis vor einigen Jahren. Doch diese konstante Erfahrung beim Eintritt in den Cyberspace erodiert. Webtexte werden immer öfter unterwegs gelesen, auf Handhelds, PDAs und Handys, in allen möglichen Situationen und überall - vom Strand bis zum Sitzungszimmer, vom Zugsabteil bis zum Schlafzimmer. Dieses Phänomen des "ubiquitous computing" (einer der zahlreichen Begriffe) bringt gar den Begriff "Cyberspace" selbst in Bedrängnis (ausführlich und klug dokumentiert auf The End of Cyberspace).
Doch war der Cyberspace jemals ein Raum? Der Naturwissenschaftler in mir lässt keinen Zweifel: "Cyberspace" ist bestenfalls eine Metapher und kann sich niemals mit der Realität des physischen Raums vergleichen.
Doch aufgepasst: der Raum unseres ersten Gedanken, durchstochen von seinem kartesisches Koordinatensystem ist durchaus nicht die einzig mögliche Raumvorstellung und ziemlich sicher nicht einmal die älteste. Vermutlich waren frühere Raumvorstellungen eher von Landmarken und Wegzeiten bestimmt. Welche Marken sich einprägen und zur Orientierung eignen ist von den Lebensumständen geprägt, die Geschwindigkeit der Fortbewegung von der Technik abhängig. Man kann so weit gehen, von der Produktion des Raumes zu sprechen. Jede Kultur konstruiert unter ihren spezifischen Lebensbedingungen eine eigene Raumvorstellung.
Damit unterscheidet sich der physische Raum plötzlich gar nicht mehr so sehr vom Cyberspace, denn dieser lässt sich am besten beschreiben als ein Bündel von gewissen Routinen und Praktiken. Ein Beispiel illustriert dies:
Ähnlich wie die Vorstellungen vom physischen Raum können sich auch diese Praktiken des Cyberspace wandeln:
"My own sense of "borderline crossing" between regular space and cyberspace definetely ended with the introduction of a broadband internet connection at my house, and the following introduction of different online widgets on my desktop, combined with the adaptation of webapps for most of my computing needs." (Andreas Andersen in einem Kommentar auf The End of Cyberspace)
Allerdings ist die Einheit dieser Erfahrung - das Bündel von Praktiken - gefährdet, da die Vermischung immer grösser wird:
What really got me to notice the new situation was when my connection suddenly failed one day. I couldn't work, I couldn't communicate, I couldn't check the weatherforecast, and I couldn't remember what my appointments were for the next day. I felt disconnected from central parts of my own everyday life - not just disconnected from a separate space. (Fortsetzung des Kommentars von Andreas Andersen)
Für Webtexte heisst die Auflösung des Cyberspace als eine feste soziale Praxis, dass noch weniger vorausberechnet werden kann, in welcher Situation ein Text gelesen wird. Es braucht noch mehr Orientierungshilfen.
Interessante Diskussionen zum Ortscharakter des Cyberspace finden sich auch bei Writing & the Digital Life (danke Robert für den Tipp) und rund um die Frage, ob MySpace ein Ort sei.