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+ 52 - 53 | Vom gesprochenen Wort zur schriftlichen Sonde

Publiziert am 31 Dez '06 - um 00:51 unter den Stichworten: Medien, Schreiben, Technologie
Wer für tausende von Menschen spricht tut dies - technische Hilfsmittel ausgeschlossen - vor - nun ja, - vielen Menschen. Wer für tausende von Menschen schreibt, tut dies allein. Vielmehr: er tat dies bis vor kurzem allein. Denn im Internet verwandelt sich der Text, der als Barriere den Autor vom Leser trennt in eine durchlässige Sonde.

"Ich schreibe ein Buch, das dereinst - so meine bescheidene Hoffnung - tausende Leser zählen wird. Also, bitte sehr, verlassen Sie dieses Zimmer, ich muss allein sein", sagt Walter J. Ong, in einem Manuskript aus dem Jahr 1973 (pdf, 131kB), auf welches das Blog des Institut for the Future of the Book (mein aktuelles Lieblingsblog) kürzlich hingewiesen hat.

Walter Ong - katholischer Geistlicher und Medienwissenschaftler - geht es in dem Manuskript um den Unterschied zwischen jemandem, der spricht und sich dabei an ein körperlich gegenwärtiges, echtes Publikum wendet und jemandem, der einen Text schreibt und dabei ein lediglich fiktives Publikum im Kopf hat.

Linguisten, angefangen bei Ferdinand de Saussure, hielten lange Zeit "Schriftlichkeit lediglich für einen direkten Abkömmling des mündlichen Sprachgebrauchs und damit einer ausdrücklichen Betrachtung für unwürdig" (David Levy in "Scrolling Forward"). Erst viel später beschäftigten sich Derrida, Barthes, Foucault und eben Walter Ong mit den bedeutenden Unterschieden zwischen Schrftlichkeit und Mündlichkeit.

Gesprochene Worte sind flüchtig. Sie stellen dadurch automatisch eine gewisse Nähe her zwischen derjenigen, die sich spricht und dem, der sie hört. Sogar aufgenommene, technisch fixierte Klangworte wirken unmittelbar, direkt. Sie wurden möglicherweise zwar weit weg gesprochen, aber in dem Moment, in dem sie abgespielt, freigelassen werden, musst du sie sofort verstehen, sonst sind sie weg.

Das Aufschreiben fixiert Worte. Sie können wieder und wieder entziffert werden, an (fast) jedem Ort, im eigenen Rhythmus, mit Marginalien versehen, verdaut, zerkaut. Doch je nachdem wohin die Worte geschrieben werden, unterscheidet sich ihre Stabilität. Da ist natürlich zunächst der Fels, in den Strich um Strich gemeisselt wird, für alle zeit. Auch Papier ist zeimlich geduldig - säurefrei überdauert es Jahrhunderte. Bis in die Gegenwart. Und da sind wir - ohne uns lange bei Pergamenten und den Feinheiten der Drucktechnik aufzuhalten - beim elektronischen Text angelangt.

Was heute hier steht, in diesem Blog, unter dieser URL - wo ist es in einem Jahr? Hat der Autor Fehler korrigeirt, den Text verändert? Tut dies ein anonymer Bearbeiter? Hat jemand einen Kommentar geschrieben, wurde er wieder gelöscht? Kann man diese Geschichte irgendwie nachvollziehen?

Sicher ist auch das Schreiben im Cyberspace ein Schreiben und somit von der Mündlichkeit deutlich unterschieden. Doch das Publikum ist nicht mehr durch verschlungene Korrespondenzwege über Verlagssekretariate und Postfächer vom Autor getrennt. Das Publikum ist gleich unterhalb, im Kommentarfeld (bei einem Blog) oder etwas weiter oben, im Editierfeld (bei einem Wiki).

"Bitte sehr, verlassen Sie dieses Zimmer, ich muss allein sein" - diese Aufforderung gilt beim Schreiben fürs Internet nicht mehr, jedenfalls nicht mehr absolut. Mit der veränderten Einstellung zum Publikum verändert sich auch die Funktion des Textes. Generell sprechen Dokumente - so kann man mit David Levy sagen - stellvertretend für ihren Autor.

Doch Texte im Internet sind mehr als das. Sie strecken Fühler aus zu ihrem Publikum, und sie messen die Temperatur. Der Autor fixiert einen Gedanken und entlässt ihn in die Öffentlichkeit. Dort löst er eine Reaktion aus. Er wird vom Browser abgerufen - was sich in der Benutzerstatistik des Webservers niederschlägt. Er kann mit Kommentaren begrüsst, zurückgewiesen, oder (wie hier oft der Fall...) ignoriert werden. Er kann sogar - wenn er in einem Wiki publiziert wurde - korrigiert, ergänzt oder (was sehr selten vorkommt) gekürzt werden.
Der Text wandelt sich damit vom starren, geharrnischten Stellvertreter des Autors zur tastenden, prüfenden Sonde. Gesprochene Worte sind manchmal genau das.


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