Publiziert am 14 Nov '04 - um 23:40 unter den Stichworten:
Schreiben
Das Bild vom romantische Dichter, der allein in seiner einsamen Kammer
grosse Werke schreibt verdeckt, dass Schreiben im Alltag sehr oft ein
kolaborativer Vorgang ist. Doch was gibt es für Formen des gemeinsamen
Schreibens, wie nutzt man diese Techniken? Ein
Paper (pdf, 3.8MB), das im im Journal of Business Communication vom 1. Januar 2004 erschienen ist, gibt einige Antworten.
Gemeinsames (collaborative) Schreiben schöpft aus einem grösseren Pool
von Ideen, bringt mehr verschiedene Blickwinkel ein, fördert den
Erfahrungsaustausch, zwingt zur Genauigkeit und bringt durch
gegenseitige Kontrolle und gehäuftes Wissen qualitativ bessere Texte
hervor. Grund genug, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Im Folgende
darum Auszüge aus dem oben erwähnten Paper von Lowry et al. zur
Begriffsklärung, zu den Schreibprozessen, den Strategien, den Rollen
und der Dokumentenkontrolle beim gemeinsamen Schreiben.
Definition
"Gemeinschaftliches Schreiben ist das iterative und zielgerichtete
Herstellen eines gemeinsamen Dokuments durch ein Team. Dazu braucht es
Verhandlung, Koordination und Kommunikation. Gemeinschaftliches
Schreiben kann auch Teambildung und Planung mit einschliessen." (freie
Übersetzung, S. 74)
Stadien beim (alleine) Schreiben:
- Planung
- Umsetzung (drafting / translation)
- Gegenlesen (reviewing)
Gemeinschaftliches Schreiben ist komplexer als individuelles Schreiben und zwar
- beziehungsmässig,
- intellektuell, und
- vom Ablauf her.
Prozesse
- Ideen sammeln (brainstorming)
- zusammenführen der gesammelten Ideen und entscheiden, was mit ihnen geschehen soll (converging)
- die allgemeine Richtung und die wichtigsten Abschnitte des Dokuments skizzieren (outlining)
- einen ersten unvollständigen Text entwerfen (drafting, auch composing oder writing)
- das Dokument von von einem Teilnehmer oder einem Herausgeber gegenlesen und hinsichtlich Inhalt, Grammatik und Stil kommentieren lassen (reviewing)
- das Dokument den Kommentaren entsprechend revidieren (revising)
- das Dokument bezüglich Grammatik, Logik, etc. vereinheitlichen (copyediting, oft auch redigieren = editing genannt)
Strategie
Wenn ein Team ein gemeinschaftliches Dokument schreiben will, muss
es sich auf die geeignete Strategie (einen gemeinsamen
Koordinations-Ansatz) einigen. Zur Auswahl stehen:
- Gruppen-Autor. Funktioniert analog zum "Gruppensprecher": nur einer Schreibt, die Gruppe diktiert oder dirigiert den Autor.
- Sequenziell. Es schreibt einer nach dem anderen
je das nächste "Kapitel". Organisatorisch leicht zu bewältigen.
Reduziert die Interaktion zwischen den Autoren auf wenige "Übergaben"
und erhöht dadurch die Gefahr, dass am Schluss der Konsens fehlt. Die
Reihenfolge der Autoren und die Einteilung in "Kapitel" sind für das
Ergebins entscheidend.
- Parallel. Die Gruppe unterteilt die Aufgabe in diskrete Einheiten, dann schreibt jeder oder jede für sich.
- Bei der horizontalen Arbeitsteilung übernimmt
jeder Autor einen inhaltlich definierten Beitrag. Die Mitglieder
arbeiten weitgehend voneinander getrennt und kennen den Gesamttext
schlecht oder gar nicht. Die Arbeitsteilung kann inhaltliche
Qualifikationen berücksichtigen. Es braucht eine grosse Menge Input, um
alle Autoren parallel in Gang zu bringen.
- Bei der stratifizierten Arbeitsteilung übernimmt
jedes Mitglied der Gruppe eine Rolle (Autor, Editor, Gegenlesen). Die
Arbeitsteilung berücksichtigt schreibtechnische Qualifikationen.
- Reaktiv. Alle Mitglieder bringen ihre originiären
Beiträge und ihre Reaktionen auf Beiträge andere Mitglieder direkt ein.
Diese Form braucht viel Koordination, geeignete Software ist erst in
der Entwicklung.
Rollen
(hier kapituliere ich vor der Aufgabe, die englischen Begriffe durch deutsche zu ersetzen...)
- Writer - ist für das Schreiben eines Teils des gemeinsamen Dokument zuständig.
- Consultant - gehört normalerweise nicht zum
Projektteam und hat weder Verantwortung für den Text noch für den
Prozess, berät aber in beiden Belangen.
- Editor - hat globale Verantwortung für das Dokument und kann Änderungen an Stil und Inhalt vornehmen.
- Reviewer - kann extern sein oder zum Projektteam
gehören. Gibt inhaltliches Feedback, hat aber keine Verantwortung,
dieses auch umzusetzen.
- Team leader - gestaltet und plant den Schreibprozess, motiviert das Team und kann sich auch vollumfänglich am Schreibprozess beteiligen.
- Facilitator - gehört nicht zum Schreib-Team und gibt auch kein inhaltliches Feedback, führt aber durch den Prozess.
Dokumentenkontrolle
Hier sind vier Vorgehensweisen möglich:
- Zentrale Kontrolle. Es gibt nur ein Dokument, in das alle Beiträge
(egal ob seriell, parallel oder raktiv produziert) eingefügt werden.
Sicher aber wenig demokratisch.
- Gestaffelte Kontrolle. Das "Original" wandert von Hand zu Hand.
- Unabhängige Kontrolle. Bis zum Schluss behält jedes Mitglied die
Kontrolle über sein Dokument. Nur bei sehr strikter Arbeitsteilung
sinnvoll.
- Geteilte Kontrolle. Alle haben Zugriff auf ein zentrales Dokument. Verlangt viel Vertrauen.
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