Public Value ist für die Öffentliche Verwaltung, was der Shareholder Value für das Börsen quotierte Unternehmen ist. Erfunden hat das Konzept Harvard Professor Mark H. Moore, der es am Beispiel einer Bibliothek erklärt, die nachmittags von einer Horde Schlüsselkindern heimgesucht wird. Die Bibliothekarin erwägt, die Zutrittsbestimmungen zu verschärfen, entscheidet sich dann aber, die Bibliothek anders einzurichten und die Präsenzzeiten anzupassen. So kann sie nun einen Raum für Kinder, einen Schulschluss-Club und Konzerte anbieten. Sie hat öffentlichen Wert geschaffen.
Wissenschaft und Technik sollen ebenfalls öffentlichen Wert schaffen, wie der britische Think Tank Demos in The Public Value of Science - Or how to ensure that science really matters vom September 2005 fordert. "Öffentlicher Wert" heisst, dass Wissenschaft nicht in reduktionistischer Weise allein danach beurteilt wird, welchen wirtschaftlichen Nutzen sie der Gesellschaft einbringt -- beispielsweise in Form vermarktbarer Erfindungen.
Während der gesellschaftliche Nutzen der Wissenschaft von Demos durchaus nicht bestritten wird - man denke an den medizinischen Fortschritt - so besteht doch auch kein Automatismus, wonach aus wissenschaftlicher Forschung automatisch ein Public Value resultiert. Vielmehr muss die Bevölkerung Gelegenheit habe, ihre Beürfnisse einzubringen.
Demos erwähnt als positives Beispiel den Medical Reserach Concil MRC, einer von acht britischen Forschungsräten, welcher jährlich Forschungsgelder in der Höhe von 170 Millionen £ spricht. Um der Bevölkerung Mitsprachemöglichkeiten zu gewähren, hat der MRC eine Advisory Group on Public Involvement geschaffen. Mitglieder dieser Begleitgruppe nehmen an den odentlichen Strategiesitzungen des MRC teil. "We are trying to operate upstream", erklärt die Pressesprechering des MRC gegenüber Demos.
Frühes Engagement (upstream engagement) ist der zweite zentrale Begriff im "Pamphlet" von Demos. Eingeführt hatte Demos den Begriff schon im Herbst 2004 in See-through Science (durchaus erfolgreich, wie ein Editorial im renomierten Nature demonstriert). Die Idee ist einfach: Die Bevölkerung sollte sich nicht erst mit den Folgen wissenschaftlicher Forschung beschäftigen (wie im Fall der Gentechnologie und ihren Anwendungen in der Landwirtschaft), sonder -- stromaufwärts -- bereits beim Festlegen der Agenda, namentlich bei der Finanzierung.
Diese Lektion bereits gelernt haben mehrere NGOs, die sich seit einigen Monaten aktiv um mehr Transparenz beim Festlegen des nächsten (siebten) europäischen Rahmenprogramms für Forschung und Entwicklung bemühen. Immerhin dürft es um annähernd 40 Millarden Euros gehen.
Und auch die Forschungsgemeinschaft selber hat die Chance erkannt, durch frühes Einbeziehen einen konstruktiveren Dialog in Gang zu bringen. Ganz besonders gilt dies für die Nanotechnologie. Auch wenn einige Wissenschaftler mit Verweis auf die Forschungsfreiheit weiter darauf pochen, dass Wissenschaft -- ähnlich wie die Kunst -- eben keine demokratische Angelegenheit sei, wie diese Kontroverse zwischen zwei Nanowissenschaftlern zeigt.
Mir scheint es im Übrigen zulässig, "Public Value" mit dem hierzulande geläufigeren Begriff "Service Public" zu übersetzen. Am Beispiel der Moore'schen Bibliothek jedenfalls ist der erzeugte öffentliche Wert eine Dienstleistung. Natürlich könnten auch Güter zu einem öffentlichen Wert werden, aber im Fall der Wissenschaft kann ich mir das schlecht vorstellen.