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+ 32 - 25 | Ich bin ein Slow-Blogger

Publiziert am 17 Feb '06 - um 00:57 unter den Stichworten: Schreiben
Langsames Bloggen ist vermutlich die am weitesten verbreitete Sünde in der Blogosphäre. Doch slow ist in und überhaupt ist Slow Blogging eine Notwendigkeit.

Bei Google bringts der Begriff "slow blogging" - sprich lange Abwesenheit vom eigenen Blog - auf ganze 25'700 Einträge. Und die etwas gehobenere Umschreibung "hiatus" erzielt bei Technorati gar 100'854 Treffer.

Slow Blogging ist verpönt, wer sich dessen schuldig macht, bittet seine Leser um Verzeihung. Schliesslich verstösst Slow Blogging gegen das definitorische Prinzip der eigenen Kaste:

"What [weblogs] have in common is a format: a webpage with new entries placed at the top, updated frequently - sometimes several times a day" schrieb Anfang 2002 Rebecca Blood in ihrem mittlerweilen klassischen Weblog-Handbuch.
Und da stehe ich nun vor meinen Lesern mit gerade mal 16 Beiträgen in den letzten sechs Monaten.

Ich muss mir die Beschimpfung gefallen lassen, eigentlich gar kein Blogger zu sein, eine quantité négligable, ein undisziplinierter Luftikus.

Dagegen ist schwer anzukommen. Doch würde ich mich besser fühlen in den Schuhen eines Vollblutbloggers, wäre ich lieber ein gestählter Vielschreiber oder ein digitales Schwergewicht?

Nunja. Es bleibt der Weg des Reclaiming, wie ihn die konservativen "Rednecks" oder von der sexuellen Norm abweichende Queer gegangen sind: nämlich den diffamierenden Begriff in einen positiven umzudeuten.

Klingt "Slow Blogging" nicht fast ebenso gut wie "Slow Food" oder "Slow Design"? Und streckt mir da nicht die Entschleunigungs-Literatur bereits ihre rettende Hand entgegen, von Stan Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit ganz zu schweigen?

Lasst mich einen Moment innehalten. Ein leiser Zweifel nagt (ja, das tun die immer) irgendwo in meinem Hinterkopf. Hatte nicht Rebecca Blood sich schon über die Leute mokiert, die übers Bloggen bloggen? In der Tat gibt es in der Blogosphäre kaum etwas penibleres als diese Art der ungefragt intimen Selbstinspektion.

Doch einmal muss es sein. Schliesslich hat sogar Chip Scanlan es getan, Chip den jeder Journalist gern mal über seine Schulter würde blicken lassen, Chip, der (wieder) angefangen hat zu bloggen.

Chip Scanlan führt 7 Gründe an, warum er bloggt. Doch keine Angst, hier sind nur 2:

1. Blog items respond to a rapidly changing media landscape. I like the way blogging lets me tackle multiple topics in a day or through the week instead of focusing all my time and energy on one weekly column.
Ich bekenne: der schnell (täglich?) wechselnden Medienlandschaft kann ich meine Leser mit 16 Beiträgen in einem halben Jahr nicht hinterherhetzen. Schliesslich ist das auch eine Frage der Ressourcen. Neben dem Broterwerb, der Familie, ... fühle ich mich schon kaum in der Lage, all die Themen zu verfolgen, die mich interessieren, geschweige denn noch darüber zu bloggen.

Wollte ich dennoch den Anspruch der Breitbandaktualität einlösen, würde ich gescheiter einen RSS-Feed meiner Delicious-Tags hier einbinden. Rebecca Blood würde mein Blog dann einen "Filter" nennen, ein Instrument, das es anderen erlaubt, an einem Thema dran zu bleiben, selbst aber nicht viel zu sagen hat. Doch zurück zu Chip:

2. When I blog, my standards are lowered, always a key element in producing writing that can be revised, even after it's published. A blog, by its very nature, is more informal than a column and less freighted with the expectations that a metro or sports column can impose.

Die elaborierte und belesene Meinung in Form einer Kolummne, das ist dann so etwa der Gegenpol zum Filter. Gut gemacht braucht es dazu reichlich Inspiration und genügend Zeit.

Ich will ja nicht gerade eine negative Korrelation zwischen Frequenz und Qualität behaupten - schon gar nicht für dieses Blog. Aber niemand schreibt täglich eine (lesenswerte) Kolummne, jedenfalls nicht mehrmals.

Argumentativ gestärkt bekenne ich darum: ich bin ein Slow Blogger. Auch wenn mir Chips Kollege Roy Peter Clark noch in den Ohren klingt:

"Learn to judge your own work by quantity, not quality"

Nachtrag: Jack Shafer, Kolummnist für das Online-Magazin Slate bezeichnete sich in einer Kolummne vom 26. Januar 2006 ebenfalls als "Slow Blogger" - ich bin nun mal etwas langsam...


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